Montag, 31 März 2014 14:12

Beantwortung einer Anfrage der Freien Wähler Köln vom 10.01.2014 zu Stand und Perspektive der Provenienzforschung bei Kunst- und Kulturobjekte

Anfrage der Freien Wähler Köln vom 10.01.2014 zu Stand und Perspektive der Provenienzforschung bei Kunst- und Kulturobjekten im Eigentum oder Besitz der Stadt Köln (AN/0031/2014)

Text der Anfrage:

Die Affäre um den Kunstfund Gurlitt hat die Debatte um die NS-Raubkunst neu entfacht. Noch immer gelten zahlreiche Kunst- und Kulturobjekte als vermisst.

Im nichtöffentlichen Teil der Ratssitzung vom 17.12.2013 wurden Beschlüsse zur Restitution bedeutender Kunstwerke aus den Beständen des Museums Ludwig (Flechtheim/Glaser) gefasst. Nach ausführlicher Provenienzforschung wurde den rechtmäßigen Ansprüchen der Erben der ehemaligen Eigentümer genüge getan.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, inwieweit die Stadt Köln weiterhin zu einer Aufklärung
beitragen kann. Deshalb bitten wir um die Beantwortung der nachfolgenden Fragen:

  1. Welche vor 1945 entstandenen Kunstobjekte wurden nach 1933 von der Stadt angekauft, sind in deren Eigentum übergegangen oder wurden ihr leihweise überlassen?

  2. Wie viele dieser Objekte haben eine lückenlose Provenienz?

  3. Bei wie vielen Kunstobjekten im Besitz der Stadt kann nicht ausgeschlossen werden, dass sie NS-Raubkunst sind und wie hoch ist ihr finanzieller Wert?

  4. Wie viele Mitarbeiter arbeiten insgesamt in der Provenienzforschung der Stadt Köln und wie hoch sind die finanziellen Aufwendungen für ihre Tätigkeit jährlich aufgeschlüsselt nach Eigen- und Drittmitteln?

  5. Wie und mit welchen Mitteln will die Verwaltung die Provenienzforschung zukünftig gestalten, um die möglichen Restitutionsverfahren zeitnah und vollständig einschließlich der Billigkeitsentschädigungen für die Geschädigten abwickeln zu können?

Antwort der Verwaltung:

Zu 1.

Die Stadt Köln bzw. einzelne Museumsdirektoren waren in der Zeit des Nationalsozialismus darum
bemüht, Köln zu einer Kunstmetropole im Westen des Reiches auszubauen. In diesem Zusammenhang wurden in Köln, im Deutschen Reich und nach 1939 auch in den besetzten Gebieten Sammlungen und eine Vielzahl von Einzelobjekten erworben.

In der Zeit zwischen 1933 und 1945 wurden von den Museen der Stadt Köln bis ca. 35.000 Objekte (zum Teil Sammlungen und Objektkonvolute) erworben:

Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud: Zehn Skulpturen, 273 Gemälde und rund 2500 Arbeiten auf Papier.

Die römische Abteilung des Wallraf-Richartz-Museum, aus dem sich das Römisch-Germanische Museum entwickelte: Insbesondere drei bedeutende Sammlungen (1934 die Sammlung des Konsuls Niessen, 1935 die Sammlung des Johannes Freiherrn von Diergardt und 1939 die Sammlung des Hofrats Wollmann aus Rom). Diese Sammlungen umfassten mehr als 20.000 Objekte der Antike.

Kölnisches Stadtmuseum: ca. 10.000 Kunst- und Kulturobjekte.

Museum Schnütgen: ca. 50 Objekte

Museum für Angewandte Kunst: ca. 500 Objekte

Museum für Ostasiatische Kunst: ca. 100 Objekte.

Rautenstrauch-Joest-Museum: 112 Konvolute mit insgesamt 3920 Objekten

Zu bemerken ist, dass auch nach 1945 einige Schenkungen in die Museen gelangten, von denen einzelne Objekte zwischen 1933 und 1945 NS-verfolgungsbedingt erworben worden sein könnten.

Zu 2.

Die Erforschung der lückenlosen Provenienz von Kunstobjekten setzt eine zeitaufwendige und umfangreiche Einzeluntersuchung voraus. Bei den meisten Objekten fehlen Angaben zu den Vorbesitzern oder sind beispielsweise nur unspezifisch mit „Privatbesitz“, „Amsterdam“, „Paris“ verzeichnet.

Eine lückenlose Provenienz im Sinne einer unbedenklichen Provenienz hinsichtlich der Frage nach NS-verfolgungsbedingtem Zugang lässt sich erstens bei den Werken feststellen, die im Rahmen konkreter Restitutionsanfragen intensiv untersucht worden sind. Dies betrifft 59 Gemälde und Skulpturen, die wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges an Frankreich und die Niederlande zurückgegeben worden sind. Dies betrifft rund 20 Kunstobjekte, die seit 1998 von der Stadt Köln restituiert worden sind. Dies betrifft ebenso die ca. 50 Kunstobjekte im Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Museum Ludwig, Rautenstrauch-Joest-Museum und dem Museum für Ostasiatische Kunst, die von und über den Kunsthändler Alfred Flechtheim in die Häuser gelangten.

Zweitens lassen sich die Provenienzen der im Rahmen von drittmittelfinanzierten Projekten untersuchten Werke dokumentieren. Von 2000 bis 2003 konnten in einem Projekt die Provenienzen von acht Skulpturen und rund 170 Gemälden und Skulpturen im Wallraf-Richartz-Museum geklärt werden.

Eine Überprüfung von rund 250 Gemälden der Sammlung Josef Haubrich ist in einem drittmittelfinanzierten Projekt in den Jahren 2010 bis 2012 erfolgt.

Sammlungen, die vor 1933 schon weitgehend abgeschlossen waren, und 1933ff. erworben worden sind. Dies betrifft etwa die umfangreichen Sammlungen Niessen und Diergardt im RömischGermanischen Museum.


Zu 3.

Die Erwerbungsumstände einer Vielzahl der zwischen 1933 bis 1945 angekauften Objekte sind in den städtischen Museen nicht oder nur sehr ungenau dokumentiert worden. In den Inventar- bzw. Ankaufsbüchern der einzelnen Häusern ist zum Teil erst seit den 1970er Jahren verzeichnet worden, unter welchen Umständen und von wem die Objekte angekauft oder gestiftet wurden.

Aus diesen Gründen lässt sich die Anzahl der Kunst- und Kulturobjekte, die NS-verfolgungsbedingt erworben worden sein könnten, nicht beziffern. Dies betrifft insbesondere kunsthandwerkliche Objekte, Ethnographika, Ostasiatika usw., die aufgrund fehlender Quellen noch nicht hinreichend untersucht werden konnten.

Daher kann eine genaue Einschätzung über die Zahl der Objekte, die unter den Tatbestand des NSverfolgungsbedingten Entzuges fallen könnten, nicht abgegeben werden. In diesem Zusammenhang ist zu bemerken, dass bei einigen wenigen Kunstobjekten hinreichende Verdachtsmomente bestehen, diese jedoch mangels weiterführender Informationen noch nicht verifiziert werden können. Diese Werke wurden in die öffentlich zugängliche Datenbank LostArt eingestellt

Zu 4.

Im Jahre 2007 wurde eine wissenschaftliche Referentenstelle im Museumsreferat eingerichtet, die sich zu je 50% ein Historiker und eine Kunsthistorikerin teilen. Die Jahrespersonalkosten für diese Stelle betragen rd. 73.000 €. Sie sind für die Provenienzforschung in den acht städtischen Museen zuständig. In den einzelnen Häusern sind KuratorInnen als Ansprechpartner für die Provenienzforschung bestimmt worden.

Über ein von der Abteilung Provenienzforschung und dem Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud initiierten und mit 75.000 € gefördertes drittmittelfinanziertes Projekt werden außerdem zurzeit die zwischen 1933 und 1945 erworbenen graphischen Werke von einer Wissenschaftlerin für 1 Jahr nach EG 13, Stufe 1 TVöD (VGr. II BAT) untersucht.

Zu 5.

Angesichts der großen Zahl noch nicht erforschter Kunst- und Kulturobjekte in den acht städtischen Museen ist eine gezielte wie auch systematische Provenienzforschung unverzichtbar. Diese muss neben der Bearbeitung konkreter Restitutionsanträge von Opfern des Nationalsozialismus bzw. ihrer Nachkommen auch systematische Forschung beinhalten wie z.B.:



die Untersuchung von Objektgruppen wie die Graphischen Bestände im Wallraf-RichartzMuseum & Fondation Corboud und im Kölnischen Stadtmuseum

die Untersuchung von museumsübergreifenden Quellenbeständen wie z.B. die etwa 20.000 Rückerstattungsakten der Oberfinanzdirektion Köln mit Vermögenserklärungen und anderen
Hinweisen zum enteigneten Kunstbesitz jüdischer und anderer Opfer des Nationalsozialismus

Grundlagenforschung zum Kunsthandel wie auch zur Kunstpolitik der städtischen Museen in der
Zeit des Nationalsozialismus.

sämtliche Bestandszugänge nach 1933.


Hierzu wird die Kulturverwaltung alsbald Erhebungen anstellen, die in eine Konzeption zur weiteren Vorgehensweise in der Provenienzforschung einfließen werden. Die Frage, welche Personalkapazität für die tiefergehende Bearbeitung potenziell benötigt wird, kann hiervor noch nicht beantwortet werden. Weiterhin wird jedoch vor allem versucht, eine Förderung über drittmittelfinanzierte Projekte zur Erforschung der Erwerbungszusammenhänge in der Zeit des Nationalsozialismus zu erhalten.

Schließlich soll durch Kooperationen mit verschiedenen Kulturinstitutionen und Hochschulen die Forschung etwa durch die Vergabe von entsprechenden Examensarbeiten intensiviert werden. Eine erste gemeinschaftlich durchgeführte Übung zur Provenienzforschung wurde im Sommersemester 2013 an der Heinrich Heine Universität Düsseldorf veranstaltet.

Eine Bearbeitung konkret anhängiger Restitutionsverfahren ist selbstverständlich sichergestellt, vor allem seit der Einrichtung des Aufgabengebietes Provenienzforschung.

gez. Laugwitz-Aulbach

Letzte Änderung am Montag, 31 März 2014 14:38
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