Donnerstag, 19 März 2009 23:03

19.03.2009 Kulturentwicklungsplan

 

Kulturentwicklungsplan

 

 

Die Vorlage des Kulturentwicklungsprogramms ist grob in drei Teile unterteilt: In einem ersten Teil werden Grundidee und Rahmenbedingungen, inhaltliche Leitideen und Zielsetzung dargelegt. Im zweiten Teil erfolgt eine Darstellung und Wertung der Sparten (Handlungsfelder), in denen Kulturpolitik sich niederschlägt. Im dritten und umfangreichsten Teil wird ein Vorschlag zur Aufteilung des Budgets gemacht.


Nach Veröffentlichung des Programms erfolgte eine Diskussion in Veranstaltungen der SPD und im Kulturausschuss. Die Diskussionen drehten sich im Wesentlichen um zwei Punkte:


Frage des Stellenwertes des Kulturetats und Frage der angemessenen Berücksichtigung einzelner Kultursparten bzw. einzelner Bereiche im Gesamtkontext.


Beide Diskussionspunkte weisen auf konzeptionelle Schwächen des Gesamtplans hin. Die Frage der Etathöhe nimmt im Entwurf breiten Raum ein und steht an prominenter Stelle. Sowohl ein historischer als auch ein Städtevergleich wird in epischer Breite geführt und zwar mit dem abschließenden Hinweis, dass der Kulturetat in Köln viel zu niedrig ist. Mit dieser breiten Diskussion wird der Blickwinkel auf einen Bereich gelenkt, der überhaupt nicht Gegenstand der Kulturpolitik sein kann, da die Inhalte der Politik nur mittelbaren Einfluss auf die Höhe des Kulturetats haben. Insgesamt mangelt es der Vorlage an Zielorientierung. So wird an keiner Stelle explizit darauf verwiesen, wozu die Vorlage überhaupt dienen soll und was die inhaltlichen Zielsetzungen sind. Die Darstellung der Leitlinien, die in dem Leitprozess 2020 entwickelt wurden, hilft nicht weiter, da diesen substantielle Eigenschaften von Zielen oder Leitlinien fehlen: Sie haben keine handlungsleitende Konkretisierung und sind nicht identifikationsstiftend. So findet sich bpsw. ein Verweis auf "handlungsleitende Kriterien", die zusätzlich zu den Zielen des Leitbildes 2020 angeführt werden.1 Damit wird inhaltlich ausgesagt, dass die Ziele selber keinen handlungsleitenden Charakter haben. Die aufgelisteten Ziele stellen vom Konkretisierungsgrad und der inhaltlichen Reichweiten her grundsätzliche Philosophien, bestenfalls Visionen dar, ohne jeglichen Bezug zur Stadt Köln. Anders ausgedrückt lassen sich die Ziele auf jede andere Stadt des Abendlandes, die sich ein bisschen mit kulturpolitischen Dingen auseinandersetzt, übertragen. Die Zieldebatte mündet, wenn man es wohlwollend formulieren möchte, bestenfalls in Absichtserklärungen oder unspezifische Vorstellungen von möglicherweise wünschenswerten Visionen.


Das Handlungsfeld der Kulturpolitik ist sehr schwierig. Zum einen sind die Akteure extrem heterogen aufgestellt, sowohl was ihre organisatorische Verankerung als auch die Interessenslage angeht. Hierauf braucht an dieser Stelle nicht näher eingegangen zu werden, da dies bekannt ist. Festzuhalten ist jedoch, dass das, was der Kulturpolitische Plan als "Kulturpolitische Herausforderungen' beschreibt, weit an einer Beschreibung des Handlungsfeldes und den damit verbundenen Herausforderungen vorbeigeht.2 Es wird hier noch nicht einmal der Versuch unternommen, einen Bezug zu Köln herzu-

 

1 S. 5. Die Kriterien sind ebenfalls keine Ziele, sondern haben eher normativen Charakter.

 

stellen. Auch das Folgekapitel leistet keinen Beitrag zur Beschreibung dessen, was Kunst und Kultur in Köln ausmacht, was also das Handlungsfeld beschreibt. Vielmehr erfolgt ein historischer Abriss über Entwicklungen und Versäumnisse, die in einer breiten Haushaltsdebatte enden.3

 

Was bis zu diesem Punkt immer noch nicht klar ist, sind die Rahmenbedingungen, also eine Beschreibung des Umfeldes, in dem der Plan aufgestellt sein soll, eine Problembeschreibung. Auf den Punkt gebracht, kann man die ersten 7 Seiten weglassen, ohne dass der Plan an Inhalt verlieren würde.


Folgerichtig fängt der Plan mit dem Kapitel 5 wieder von vorne an, dieses Mal zumindest konzeptionell stringenter. Man darf getrost davon ausgehen, dass der Autor dieses Kapitels eine andere Person ist und dass die beiden Autoren sich nicht ausgetauscht oder abgestimmt haben. Sowohl die Sprachwahl, als auch die konzeptionelle Vorgehensweise sind von einer substantiell besseren Qualität: konkrete Aussagen und klare Linien werden erkennbar.

 

Konkret an Zielsetzungen werden benannt:


- Rahmenbedingungen schaffen, in denen Kultur stattfindet,


- Grundlinien der Kulturpolitik zeichnen


- Mittel zur Zielerreichung überprüfen


- konzeptionelle, prozedurale und institutionelle Anpassungen definieren und


- darauf aufbauend Maßnahmen vorschlagen

 

Zur Negativabgrenzung werden zwei Aussagen angeführt:


1. es geht nicht um die Planung von kreativen und künstlerischen Prozessen
2. sie orientiert sich an den Besonderheiten, den Möglichkeiten und den Chancen der Stadt. Dies ist im Wandel. Ein Plan ist folglich kein endgültiges Produkt, sondern ein Zwischenziel, dass an den Entwicklungen und Veränderungen in Köln angepasst werden muss.


Leider endet diese Darstellung mit diesen Aussagen, obwohl es gerade hier anfängt spannend zu werden. Die 'Rahmenbedingungen' und 'Mittel' hätten konkret beschrieben werden müssen, genauso wie die Parameter der 'Anpassungen'. Es scheint so, dass der Autor dieses Kapitels mehr im 'Konzeptionellen' zu Hause ist, als im 'Kulturellen'.


Die ersten kulturpolitischen Pflöcke werden in Kapitel 6, konkret in 6.1 und 6.3 eingeschlagen. In diesen beiden Kapiteln erfolgt erstmalig eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der derzeitigen kulturpolitischen Situation in Köln und es werden prospektive Schlussfolgerungen (Sollvorstellungen) gezogen.
4 Jedoch ist auch hier festzustellen, dass die Darlegung im Unbestimmten hängen bleibt. Bezeichnend ist die abschließende Aussage von Kapitel 6.1, die da lautet: Für die Zukunft müssen Prioritäten gesetzt werden, die auf die kulturellen Stärken der Stadt setzen und diese weiterentwickeln. Wenn der Kulturentwicklungsplan nicht zum Ziel hat, diese Prioritäten zu setzen, wo soll dies dann geschehen? Wie will man die oben benannten Zielsetzungen erreichen, ohne Prioritäten gesetzt zu haben?


Eine Konkretisierung kann man sich in dem Folgekapitel 7 erhoffen. Jedoch ist bereits die Auflistung der Handlungsfelder mehr als problematisch. Die Liste


- Bildende Kunst und Museumslandschaft


- Musik


- Darstellende Kunst


ist weder widerspruchsfrei, noch selbsterklärend. Auch gibt es keine Erläuterung, wieso gerade diese Bereiche herausgegriffen werden oder warum bei anderen mögliche Handlungsfelder, die noch nicht einmal angeführt werden, kein Handlungsbedarf gesehen wird.

 

3 Siehe Kapitel 4
4 Kapitel 6.2 fällt heraus, da es beim Kulturetat nicht im ein Handlungsfeld, sondern um eine Rahmenbedingung handelt, welche maximal mittelbar durch die Kulturpolitik zu beeinflussen ist, wie oben bereits angeführt.


Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den profilbildenden Handlungsfeldern unterbleibt hier, diese muss den Akteuren vorbehalten bleiben. Auffällig ist jedoch die fehlende argumentative Stringenz. So wird z. B. in Kapitel 7.1.1 zu den Museen ausgeführt, "Keine andere deutsche Stadt unterhält so viele eigene Museen wie Köln. Ausbau und Pflege dieser wertvollen und attraktiven und in der Breite der Sammlungen einmaligen Museumslandschaft bedürfen der besonderen Zuwendung."5 Dies ist offensichtlich unsinnig: Wenn man von etwas sowieso am meisten hat und dies zudem auch schon wertvoll und attraktiv ist, wieso muss man das dann auch noch weiter ausbauen? Um dies an einem anderen Beispiel zu erläutern: Wenn ich schon das schönste und beste Auto der Welt habe und dies auch in einem top Zustand ist und mich jeder um dieses Auto beneidet, wieso soll ich mir dann an dem Auto einen weiteren Spoiler anbauen oder sogar ein weiteres Auto kaufen? Und um diesen argumentativen Unsinn auch noch zu steigern, folgt in dem Plan eine Aufzählung aller Projekte, die in nächster Zeit sowieso angegangen werden.


Wie kann es sinnvoll weitergehen?


Zuerst einmal muss Einigung darüber hergestellt werden, wozu der Kulturentwicklungsplan dienen
soll.


Dazu reicht die oben angeführte Auflistung nicht aus, sie muss vielmehr konkretisiert werden. Also:
Was sind die Rahmenbedingungen, in denen Kultur stattfindet etc.


In einem zweiten Schritt müssen die kulturpolitischen Zielsetzungen festgelegt werden. Dabei sind verschiedene, bisher ignorierte Aspekte von zentraler Bedeutung, will man keinen Schubladenplan haben.


Ein Plan soll handlungsleitend sein, also Handlungen fokussieren. Dafür muss erst einmal der Fokus, also Ziele festgelegt werden. Damit Ziele handlungsleitend sein können, müssen sie in verschiedenen Ausprägungen beschrieben sein. Hierzu gehören


- eine inhaltliche Beschreibung der Zielgröße, also was soll verändert werden,


- eine Darstellung des Bezugsmaßstabes, also woran soll die Veränderung sichtbar werden


- innerhalb welchen Zeitrahmens sollen die Maßnahmen umgesetzt und das Ziel erreicht werden.


Bzgl. der Zielformulierung sind verschiedene Sachverhalte zu beachten:


Da es sich bei den Zielpersonen der Vorlage um heterogene, z. T. diffuse Gruppierungen umfassende bzw. unabhängig agierende Personen handelt, ist es wichtig, dass die Ziele identitätsstiftend sind. Nur wenn am Anfang des Prozesses geklärt werden kann, unter welchem Dach sich die betroffenen wieder finden können, ist es möglich, die verschiedenen Ansprüche in zielerreichende Aktivitäten zu kanalisieren. Genau das ist z. Zt. die zweite Schwäche der Vorlage: Bevor Einigkeit bzgl. der Zielsetzung erreicht wurde, wird bereits der Etat verteilt. Ergebnis ist, dass nunmehr jeder Vertreter einer Sparte versucht, sein Genre zu protegieren und deren Wichtigkeit für die gesamtstädtische Kulturpolitik hervorzuheben: Die Schlacht um den Kulturetat ist im vollen Gange, bevor klar ist, wozu der Plan überhaupt dienen soll.

 

Aus diesem Grunde muss als Erstes dafür Sorge getragen werden, dass die Etatthematik hintenan gestellt wird und dass zuerst einmal die Zielsetzung der Kölner Kulturpolitik festgezurrt wird. Die Ziele können nur vor dem Hintergrund der bestehenden Kulturaktivitäten entwickelt werden. Diese bilden das Fundament dessen, was die Stärken der Kultur in Köln ausmacht. Nur wenn man die Kompetenzen kennt, ist man in der Lage eine tragfähige zukunftsorientierte Politik zu konzeptionieren. Man spricht hier von der 'Historizität' zukünftiger Entwicklungen. Diese Kompetenzen zeigen sich in den tatsächlich praktizierten Aktivitäten.


An dieser Stelle wird derzeit jedoch ein entscheidender Fehler gemacht. Es reicht nicht aus, bestimmte Handlungsfelder 'herauszupicken' und dann zu bestimmen, dass man diese besonders fördern möchte, da man den Eindruck habe, dass die Stadt Köln hier Stärken habe. Also, welche Kulturaktivitäten man fördern möchte. Es muss vielmehr ergründet werden, worauf diese Aktivitäten basieren.

Das ist so, wie wenn ein Modehaus danach beurteilt wird, wie schön deren Kleider sind. Die Kompetenz des Modehauses basiert jedoch nicht auf den einzelnen Kleidern, diese sind vielmehr Ergebnis der Kompetenz des Modehauses.


Gibt es bspw.


- viel Freiraum für kreative Ideen


- ein einheitliche Prozessverständnis, in dem besonders effektiv auf Kundenvorstellungen eingegangen wird


- eine herausragende bereichsübergreifende Zusammenarbeit, o.ä.


Übertragen auf die Kultur- und Kunstpolitik sind ebenfalls die in Köln vorhandenen Kompetenzen
festzustellen:


- Gibt es eine produktive und inspirierende Zusammenarbeit zwischen städtischen und freien Kulturtreibenden /-schaffenden, wenn ja, in welchen Bereichen und was ist die Basis für diese?


- Hat Köln für bestimmte Interessensgruppen ein herausragendes Merkmal und worin unterscheidet sich die Ausprägung dieses Merkmals in Köln gegenüber der Ausprägung in anderen Orten


- Wenn Köln von seinem Kulturbetrieb in einem bestimmten Bereich besonders profitiert, was
kennzeichnet diesen Bereich und worauf beruht diese besondere Nutzenstiftung?


- Was sind Attribute, die (positiv) kennzeichnend für den Kulturbetrieb von Köln / einzelne Bereiche
des Kulturbetriebes sind und was sind Faktoren, die sich auf diese förderlich auswirken?


Diese Fragen sollen die Fragerichtung deutlich machen und keinen abschließenden Katalog darstellen. Hier ist vielmehr viel Kultur-Know how gefragt.


Warum sind diese Fragestellungen so zentral?


Würde diese Kompetenz an eine einzelne Person gebunden sein (z.B. einem einzelnen Modeschöpfer), würde das Wahl und Wehe des Modehauses an dieser einen Person hängen. Einem ähnlichen Phänomen könnte die Stadt Köln bspw. erliegen, wenn die jüngsten Erfolge des Schauspielhauses, die unmittelbar mit der Person Karin Beier in Verbindung stehen, als Kern einer Kulturpolitik gemacht würde.


So plant die Stadt Köln Millionen in den Bau eines neuen Opern- / Schauspielhausquartiers zu investieren. Viel wichtiger wäre jedoch die Frage, wie man den Bereich Schauspiel/Theater u.ä., davon profitieren lassen kann, was Frau Beier schafft. Dieses zu ergründen würde einen Zugang zu den übertragbaren Fähigkeiten von Frau Beier verschaffen, so dass dann eine Entwicklung im Schauspiel/ Theaterbereich zum Ziel hätte, diese Fähigkeiten handhabbar und zum Mittelpunkt einer kulturpolitischen Initiative zu machen.


Ähnliches gilt selbstverständlich für alle anderen Kulturbereiche ebenso. Der immer wieder viel beschworene Tanzbereich: Was macht die Besonderheit in Köln aus? Sind dieselben Mechanismen auch in anderen Bereichen zu finden und worauf basieren diese?


Wie könnte ein Prozess aussehen, mit dem man solche Ziele aufstellen kann.


Zielfindung ist kein basisdemokratischer Akt sondern muss von führenden Personen vorangetrieben werden. Andererseits muss sichergestellt werden, dass sich die Akteure mit den kulturpolitischen Zielen identifizieren können. Theoretisch gibt es zwei Zugänge:


- Eine extern geführte Expertendiskussion, deren Ergebnis dann Vorgabe für die Maßnahmenumsetzung, also Budgetverteilung bildet.


- Ein moderierter Workshop mit den führenden Kulturakteuren, deren Ergebnisse in der Breite
diskutiert und bewertet werden und die dann abschließend von den Workshopteilnehmern vor
dem Hintergrund der Bewertungen angepasst und beschlossen werden.


Der erste Zugang entspricht eher einem veralteten Führungsverständnis und erweist sich bzgl. Identitätsstiftung und Nutzenstiftung als problematisch. Auch erscheint es mehr als fraglich, ob eine solche aufgezwungene bzw. extern gefundene Zielsetzung für die 'freien' Kulturgeister eine bindende Wirkung haben kann. Weiterhin erscheint es eher unwahrscheinlich, ob die, durch oben angeführten Fragen gefundenen Kompetenzen durch eine externe Diskussion überhaupt beeinflusst werden können oder ob es nicht zum Selbstverständnis der Kölner Kulturtreibenden /-schaffenden gehört, sich nicht vereinnahmen zu lassen.


Der zweite Zugang ist zwar komplexer und führt im Zweifelsfall auch zu viel Unruhe, jedoch ist das Ergebnis wesentlich eher konsensfähig. Für den Erfolg eines solchen Verfahrens ist wichtig, von Anfang an transparent und deutlich kommuniziert, dass es eine klare Struktur gibt, innerhalb derer die Beteiligung der Akteure einen klaren Auftrag hat und dass es zu diesem Zeitpunkt nicht darum geht einzelne Kulturbereiche gegeneinander zu stellen oder Budgets zu verteilen.


Pragmatisch gesehen könnte man z.B. mit 10 - 12 Fachleuten einen Katalog von Expertisen zusammenstellen, diesen für 2 - 4 Wochen in einem Internetblog zur Diskussion stellen und dann die dort stattgefundenen Diskussionen in einem 2. Workshop beurteilen lassen.

 


Mit freundlichen Grüßen


Martin Müser

Letzte Änderung am Samstag, 05 Mai 2012 17:48
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