Donnerstag, 23 Juli 2015 22:04

Projekt-Euphorie essen Verstand auf - Freie Wähler zum Opernflop

Immer wenn ein komplexes Vorhaben mit großem Prestigewert in Gang gesetzt wird, geschieht
dies durch eine ausgeprägte Projekt-Euphorie. Diese funktioniert so, dass alle Befürworter das
Projekt über den grünen Klee loben ("einzigartig für die Stadt", "unübertroffen weltweit", "ein
kulturpolitisches Juwel", usw.) und die Kritiker zum Schweigen verdonnert werden
("Bedenkenträger", Erbsenzähler", Kulturbanausen", "Nestbeschmutzer", etc.).
 
So war es auch beim Vorhaben Operneröffnung am 7. November in der kulturpolitischen Debatte
in Köln. "Im Kulturausschuss war es förmlich in jeder Sitzung mit Händen zu greifen", sagt
Andreas Henseler, Ratsmitglied der Freien Wähler. "Die ängstlichen Fragen des rot-grünen
Damen-Duos der Ausschuss-Spitze nahmen immer groteskere Formen an. In gleichem Maß
wurden die Antworten der Leiterin der Gebäudewirtschaft immer virtuoser. Sie schaffte es, sich
nie eindeutig festzulegen ("nach heutigem Stand...", "voraussichtlich...", "wenn nicht etwas ganz
besonderes passiert...") und trotzdem die Fragestellerinnen zu beruhigen. Letzteres war einfach,
weil diese auch beruhigt werden wollten".
 
Auf diese Weise stieg die Zuversicht, das Premierenprogramm wurde mit viel Beifall der
staunenden Öffentlichkeit vorgestellt und ein Beschleunigungsprogramm mit Abstrichen
(Kinderoper) und Risiken (Kostensteigerungen) genehmigt. Auf einen Plan B wurde verzichtet, um
den Druck im Kessel auf alle Beteiligten zu erhöhen. Ansonsten, so die Befürchtung, wären alle
Beteiligten nicht hinreichend auf den Termin eingeschworen gewesen.  
 
"Management by Pizarro", sagt Andreas Henseler. "Der verbrannte vor der Eroberung des Inka-
Reichs bekanntlich seine Schiffe, um seine Männer zu motivieren". Im 21. Jahrhundert empfiehlt
es sich jedoch, einen Plan B wenigstens verdeckt zwischen Oberbürgermeister und
Kulturdezernentin abzustimmen. Bleibt abzuwarten, ob er heute verkündet wird. Es ist kein
Hexenwerk - das Schauspiel bleibt zunächst im Depot I, für die Oper gibt es ein abgespecktes
Programm an verschiedenen Standorten, und der Eröffnungstermin wird um ein Jahr verschoben.
 
"Für die Stadt ist das ein Flop, aber keine Katastrophe. Es wäre eher ein Wunder gewesen, wenn
Köln sich nicht in die Reihe der Städte mit aus dem Ruder laufenden Großprojekten  - wie
Hamburg mit seiner Elbphilharmonie, Stuttgart mit seinem Bahnhof und Berlin mit seinem
Flughafen - eingereiht hätte. Der Mechanismus "Euphorie gegen Verstand" ist schließlich ein
nationales Phänomen."  
 
In Köln kann man auf dem Rathausplatz den nächsten Fall - allerdings mit größerem
Katastrophenpotential - beobachten: das Vorhaben Archäologische Zone/Jüdisches Museum.
 
gez. Andreas Henseler

Letzte Änderung am Donnerstag, 23 Juli 2015 22:09
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